Als Sideman (nicht nur) der sechssaitigen Fraktion wird man ja von den ausführenden Organen der schreibenden Zunft gerne mal unterschlagen. Das ist eben allgemeines Berufsrisiko.

Der Fokus des Interesses der Massen liegt natürlich auf dem Text in Tönen absondernden Individuum in der Mitte der Bühne (vulgo: “Frontman”). Dessen Beurteilung wird in unzähligen Castingshows vorexerziert – der Rest des musikalischen Fußvolks firmiert unter Beiwerk.

Bandsound ist natürlich Teamwork. Der musikalisch und musiktheoretisch unvorbelastete Zuhörer bewertet immer das *summierte* Ergebnis dessen, was der lobotomierte Bassist, der hyperaktive Drummer, der verkopfte Keyboarder und der schizophrene graubärtige Dudelfreak an der Gitarre von sich geben. Und *wehe* sie kommen dem Vokalkonsonantemittenten in den Weg.

Aber: so soll es ja auch sein. Vom Kritiker hingegen wäre eigentlich mehr zu erwarten. Sein Job wäre es, aus einer kompetenten Position heraus eine Bewertung abzugeben, die Gutes und Schlechtes benennt und für den Leser verständlich darstellt – und am Ende ein Fazit zu ziehen, das subjektiv sein darf und muß.

In meiner gesamten Laufbahn habe ich aber kaum eine Kritik über Produktionen gelesen, an denen ich beteiligt war, die im Rahmen der natürlich im Print knapp, aber in Blogs reichlich zur Verfügung stehenden Zeilen auch nur  halbwegs differenziert auf die Einzelleistungen abgehoben hätte. Ich denke, es wäre durchaus einmal an der Zeit, daß Musiker Kritiker in einem öffentlichen Forum beurteilen – und die Freikarten zu Konzerten nach Qualifikation vergeben werden. Fliegende Bleistifte, verwehte Notizblöcke (if any)…

Aber das ist ja nur der Wiederschein der Rezeption, der auf dem gemeinen Gitarristen dieser Tage lastet. Speziell Gitarrensoli generieren heutzutage ähnlich viel Aufmerksamkeit wie ein leerer Baustellenbierkasten – oder ein Bassolo.  Sofern man nicht gerade

  • die Miene zur Fratze verzieht (gähn),
  • mit Biergläsern Slide dilettiert (gääähn),
  • auf den Knien spielt (gääääähn),
  • auf dem Rücken liegend über die Bühne robbt (Unterkiefer durch Gähnen ausgekugelt) oder
  • sich auf der Bühne mit Kerosin überschüttet und anzündet (die erste Reihe unterbricht immerhin kurz das angeregte Gespräch)

kann man die Hoffnung auf einen bleibenden Eindruck eigentlich auch gleich begraben. Der musikalische Nährwert solcher Übersprungshandlungen ist eh gleich Null und ruiniert nur die Klamotten – deren Säuberung die Bilanz des Gigs weiter ins Minus treiben würde.  Aber: Sind Pressevertreter vor Ort, wären diese Verzweiflungsmaßnahmen üblicherweise der einzige Weg in einen Nebensatz des Musikernirwanas – der Kritik. Leider ist das komplett unabhängig davon, ob der Delinquent tatsächlich etwas zu sagen hat.

Gestaltung des Arrangements durch Abwesenheit von sinnlosem Genudel und die Erzeugung von “Luftigkeit” im Sound durch sparsames Spiel ist ebenfalls nicht gerade pressewirksam. Das ist wie mit den Löchern im Emmentaler, die will auch keiner zahlen.

Instrumentale Leistungen wahrzunehmen und zu kommentieren erfordert vom Schreibenden eine gewisse musikalische Mindestkompetenz, die nicht immer (räusper)  gegeben ist. Viele beherrschen nicht mal *ihr* Metier, angefangen bei  Orthographie und Grammatik (was seit der Wegrationalisierung der Berufssparte „Lektor“ den Älteren unter uns ab und zu auffällt). Da erschöpfen sich „Kritiken“ dann schnell mal in der Wiedergabe der Setlist und dem Lob an die Küche der jeweiligen Location.

Duoformationen haben also für einen Sideman – schon rein mathematisch gesehen – eher mal Pressepotential. Tendenziell ist die nachstehende Kritik hier etwas sehr euphorisch ausgefallen, was meine Person betrifft, wie ich finde – aber der Mensch freut sich. Lieber so als ein Verriss. (Note to self: Gagenforderungen  im Halm umgehend verdoppeln, dann sind die Portokosten für ein Jahr Finanzamtskorrespondenz endlich gedeckt). Immerhin hat sich der Kritisierende das Konzert über die volle Länge angetan.

Und Kritiken sind ja auch immer Feedback und Maßstab – und man braucht sie für die Pressemappe. (Blödsinn. Isch ‚abe gar keine Pressemappe.) Der Mensch im allgemeinen und der Gitarrist im besonderen ist als akustischer Exhibistionist nun mal eitel und geltungsbedürftig. In so fern sei es mir gestattet, eine Kritik anzuhängen, die mich als „einen der genialsten und vielseitigsten Gitarristen Deutschlands“ feiert – und mich somit in eine Reihe mit Ricky King und Rudi Buttas stellt. Oder so ähnlich. Man sagt mir immer wieder, ich könnte mit Lob nicht umgehen. Dies ist mal ein Versuch.

Hier also das Wolfenbütteler Schaufenster über ein wirklich geiles Konzert mit Florian Baessler vom Februar 2013 – die ausgezeichnete Kritik ist vollkommen berechtigt, wie ich finde. Die Begründung ist allerdings mangelhaft, die Recherche lückenhaft. Aber: Egal. Ich bin stolz wie Bolle. Wir haben den Abend gerockt. Wir haben sie nass gemacht. Braucht jemand einen Presseausweis? Freikarten? Backstagepässe? Contact me! Ich bin fast unbestechlich.