{"id":2209,"date":"2013-02-27T20:43:59","date_gmt":"2013-02-27T19:43:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juergenhoffmann.net\/?p=2209"},"modified":"2018-05-23T09:03:23","modified_gmt":"2018-05-23T08:03:23","slug":"fresse-presse-kritik-der-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/?p=2209","title":{"rendered":"Fresse, Presse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als Sideman (nicht nur) der sechssaitigen Fraktion wird man ja von den ausf\u00fchrenden Organen der schreibenden Zunft gerne mal unterschlagen. Das ist eben allgemeines Berufsrisiko.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fokus des Interesses der Massen liegt nat\u00fcrlich auf dem Text in T\u00f6nen absondernden Individuum in der Mitte der B\u00fchne (vulgo: \u201cFrontman\u201d). Dessen Beurteilung wird in unz\u00e4hligen Castingshows vorexerziert &#8211; der Rest des musikalischen Fu\u00dfvolks firmiert unter Beiwerk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bandsound ist <em>nat\u00fcrlich<\/em> Teamwork. Der musikalisch und musiktheoretisch unvorbelastete Zuh\u00f6rer bewertet immer das *summierte* Ergebnis dessen, was der lobotomierte Bassist, der hyperaktive Drummer, der verkopfte Keyboarder und der schizophrene graub\u00e4rtige Dudelfreak an der Gitarre von sich geben. Und *wehe* sie kommen dem Vokalkonsonantemittenten in den Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber: so soll es ja auch sein. Vom Kritiker hingegen w\u00e4re eigentlich mehr zu erwarten. Sein Job w\u00e4re es, aus einer kompetenten Position heraus eine Bewertung abzugeben, die Gutes und Schlechtes benennt und f\u00fcr den Leser verst\u00e4ndlich darstellt &#8211; und am Ende ein Fazit zu ziehen, das subjektiv sein darf und mu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meiner gesamten Laufbahn habe ich aber kaum eine Kritik \u00fcber Produktionen gelesen, an denen ich beteiligt war, die im Rahmen der nat\u00fcrlich im Print knapp, aber in Blogs reichlich zur Verf\u00fcgung stehenden Zeilen auch nur\u00a0 halbwegs differenziert auf die Einzelleistungen abgehoben h\u00e4tte. Ich denke, es w\u00e4re durchaus einmal an der Zeit, da\u00df Musiker Kritiker in einem \u00f6ffentlichen Forum beurteilen &#8211; und die Freikarten zu Konzerten nach Qualifikation vergeben werden. Fliegende Bleistifte, verwehte Notizbl\u00f6cke (if any)&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das ist ja nur der Wiederschein der Rezeption, der auf dem gemeinen Gitarristen dieser Tage lastet. Speziell Gitarrensoli generieren heutzutage \u00e4hnlich viel Aufmerksamkeit wie ein leerer Baustellenbierkasten &#8211; oder ein Bassolo.\u00a0 Sofern man nicht gerade<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>die Miene zur Fratze verzieht (g\u00e4hn),<\/li>\n<li>mit Biergl\u00e4sern Slide dilettiert (g\u00e4\u00e4\u00e4hn),<\/li>\n<li>auf den Knien spielt (g\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4hn),<\/li>\n<li>auf dem R\u00fccken liegend \u00fcber die B\u00fchne robbt (Unterkiefer durch G\u00e4hnen ausgekugelt) oder<\/li>\n<li>sich auf der B\u00fchne mit Kerosin \u00fcbersch\u00fcttet und anz\u00fcndet (die erste Reihe unterbricht immerhin kurz das angeregte Gespr\u00e4ch)<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">kann man die Hoffnung auf einen bleibenden Eindruck eigentlich auch gleich begraben. Der musikalische N\u00e4hrwert solcher \u00dcbersprungshandlungen ist eh gleich Null und ruiniert nur die Klamotten &#8211; deren S\u00e4uberung die Bilanz des Gigs weiter ins Minus treiben w\u00fcrde.\u00a0 Aber: Sind Pressevertreter vor Ort, w\u00e4ren diese Verzweiflungsma\u00dfnahmen \u00fcblicherweise der einzige Weg in einen Nebensatz des Musikernirwanas &#8211; der Kritik. Leider ist das komplett unabh\u00e4ngig davon, ob der Delinquent tats\u00e4chlich etwas zu sagen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestaltung des Arrangements durch Abwesenheit von sinnlosem Genudel und die Erzeugung von \u201cLuftigkeit\u201d im Sound durch sparsames Spiel ist ebenfalls nicht gerade pressewirksam. Das ist wie mit den L\u00f6chern im Emmentaler, die will auch keiner zahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Instrumentale Leistungen wahrzunehmen und zu kommentieren erfordert vom Schreibenden eine gewisse musikalische Mindestkompetenz, die nicht immer (r\u00e4usper)\u00a0 gegeben ist. Viele beherrschen nicht mal *ihr* Metier, angefangen bei\u00a0 Orthographie und Grammatik (was seit der Wegrationalisierung der Berufssparte &#8220;Lektor&#8221; den \u00c4lteren unter uns ab und zu auff\u00e4llt). Da ersch\u00f6pfen sich &#8220;Kritiken&#8221; dann schnell mal in der Wiedergabe der Setlist und dem Lob an die K\u00fcche der jeweiligen Location.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Duoformationen haben also f\u00fcr einen Sideman &#8211; schon rein mathematisch gesehen &#8211; eher mal Pressepotential. Tendenziell ist die nachstehende Kritik hier etwas sehr euphorisch ausgefallen, was meine Person betrifft, wie ich finde \u2013 aber der Mensch freut sich. Lieber so als ein Verriss. (Note to self: Gagenforderungen\u00a0 im Halm umgehend verdoppeln, dann sind die Portokosten f\u00fcr ein Jahr Finanzamtskorrespondenz endlich gedeckt). Immerhin hat sich der Kritisierende das Konzert \u00fcber die volle L\u00e4nge angetan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Kritiken sind ja auch immer Feedback und Ma\u00dfstab &#8211; und man braucht sie f\u00fcr die Pressemappe. (Bl\u00f6dsinn. Isch &#8216;abe gar keine Pressemappe.) Der Mensch im allgemeinen und der Gitarrist im besonderen ist als akustischer Exhibistionist nun mal eitel und geltungsbed\u00fcrftig. In so fern sei es mir gestattet, eine Kritik anzuh\u00e4ngen, die mich als &#8220;einen der genialsten und vielseitigsten Gitarristen Deutschlands&#8221; feiert &#8211; und mich somit in eine Reihe mit Ricky King und Rudi Buttas stellt. Oder so \u00e4hnlich. Man sagt mir immer wieder, ich k\u00f6nnte mit Lob nicht umgehen. Dies ist mal ein Versuch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier also das Wolfenb\u00fctteler Schaufenster \u00fcber ein <strong>wirklich geiles Konzert mit<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.wilderpilger.de\" target=\"_blank\">Florian Baessler<\/a> vom Februar 2013 &#8211; die ausgezeichnete Kritik ist vollkommen berechtigt, wie ich finde. Die Begr\u00fcndung ist allerdings mangelhaft, die Recherche l\u00fcckenhaft. Aber: Egal. <strong>Ich bin stolz wie Bolle. Wir haben den Abend gerockt. Wir haben sie nass gemacht. Braucht jemand einen Presseausweis? Freikarten? Backstagep\u00e4sse? Contact me! Ich bin fast unbestechlich.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/wp-content\/Kritik_Komisse.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2177\" title=\"Kritik Komisse Wolfenb\u00fcttel 02\/2013\" src=\"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/wp-content\/Kritik_Komisse.jpg\" alt=\"\" width=\"460\" height=\"591\" srcset=\"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/wp-content\/Kritik_Komisse.jpg 460w, https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/wp-content\/Kritik_Komisse-233x300.jpg 233w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Sideman (nicht nur) der sechssaitigen Fraktion wird man ja von den ausf\u00fchrenden Organen der schreibenden Zunft gerne mal unterschlagen. Das ist eben allgemeines Berufsrisiko. Der Fokus des Interesses der Massen liegt nat\u00fcrlich auf dem Text in T\u00f6nen absondernden Individuum in der Mitte der B\u00fchne (vulgo: \u201cFrontman\u201d). Dessen Beurteilung wird in unz\u00e4hligen Castingshows vorexerziert &#8211; [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2209","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pIvuf-zD","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2209","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2209"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2209\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3722,"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2209\/revisions\/3722"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juergenhoffmann.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}